Kunstwerke des Monats 2026
Die Grabskulptur des Buchdruckers Otto Göttel (1854 – 1925)
Vermutlich kam Franz Albert Otto Göttel nach solider kaufmännischer Ausbildung von außerhalb nach Leipzig und eröffnete im Jahre 1884 eine Anilin-Farbenhandlung. Allerdings wechselte er dann schon nach einem Jahr seine geschäftliche Unternehmung und beteiligte sich als Inhaber an der Leipziger Buchdruckerei „Joachim & Jüstel“, die aber sehr bald gemeinschaftlich mit dem Buchhändler Franz Jüstel als Firma „Jüstel & Göttel“ agierte und sich als Verlag, Buchdruckerei und Buchhandlung über Jahrzehnte in der Buchstadt Leipzig erfolgreich behauptete. Vielgelesene Zeitschriften erschienen bei „Jüstel & Göttel“ wie beispielsweise die „Kolonialwaren-Zeitung“, die „Europäische Herrenmode“, die „Malerzeitung“, die „Internationale Fleischerzeitung“ oder die Annalen des gesamten Versicherungswesens.
Nachdem am 30. Juni 1914 Auguste Julia Louise Göttel, die Ehefrau des Buchdruckereibesitzers, im Alter von 62 Jahren gestorben war, erwarb er am 3. Juli 1914, dem Tage des Begräbnisses auf dem Südfriedhof für 1.300 Goldmark in der I. Abteilung das hundertjährige Erbbegräbnis No.6. Louise Göttel wurde in einem prächtigen eichenen Sarg in der Mitte der Grabstätte in doppelter Grabestiefe beerdigt.
Knapp zwei Jahre später beantragte der akademische Bildhauer Paul Stuckenbruck die Genehmigung eines Grabmalentwurfs und erklärt gleichzeitig, dass die beigefügten Zeichnungen von eigener Hand seien. Die schöne Entwurfszeichnung der zu schaffenden Skulptur zeigte eine selbstbewusste Frau, die in eigenartiger Pose vor der Grabplatte kniete. Das Bildnis strahlt eine ungemein deutliche Erotik aus und zeigt ein fülliges Weib voller Lebenskraft. Das Haar macht einen zerzausten Eindruck und unterstützt ein emotionales Gefühl schamhafter Begierde. *
Der Bildhauer Paul Stuckenbruck benannte Kircheimer Kalkstein als zu verwendendes Material und gab das Gewicht der zu schaffenden Skulptur mit 20 Zentner an. Wenngleich der Leipziger Stadtbaurat Carl James Bühring schon wenige Tage später den Antrag bedingungslos genehmigte, erfolgte die Ausführung der Skulptur aber in deutlich geänderter Version. In demütiger Trauerpose kniet nun mit gesenktem Haupt betend die weibliche Skulptur, die zweifellos die verstorbene Frau des Buchdruckereibesitzers Otto Göttel darstellen soll und folgt damit wohl einem Sinneswandel des verwitweten Auftraggebers oder naher Verwandter.
Ende September 1923 war das Werk vollendet und bereits vor dem Grabe der Gattin über einem zwei Meter tiefen Ziegelfundament errichtet worden.
Franz Albert Otto Göttel starb am 10. Dezember 1925 im Alter von 71 Jahren – er wurde nicht, wie offensichtlich ursprünglich geplant, im Grabe seiner Frau beerdigt, sondern sein Leichnam wurde fünf Tage nach dem Tode eingeäschert und die Urne mit seiner Asche am 05. Januar 1926 im Grabe der Frau beigesetzt.
Seit Generationen fanden bis heute zahlreiche Verstorbene, die ausnahmslos feuerbestattet wurden, hier ihre letzte Ruhestätte.
*Man kann wohl davon ausgehen, dass der etwas frivole Entwurf dem tatsächlichen Naturell der Ehefrau zu ihren Lebzeiten entsprach.
Kunstwerk Archiv